Was ist Gastrosophie?

Gastrosophie verstehen wir als Zusammenwirken und fundiertes Nach- und Zusammen-Denken aller natur- wie geisteswissenschaftlichen Fächer und Disziplinen, die sich auf Ernährung beziehen und damit beschäftigen.

Beim Begriff „Gastrosophie" handelt es sich um eine Neuprägung durch Eugen von Vaerst (1782-1855). Er verstand darunter im Jahr 1851 („Gastrosophie oder die Lehre von den Freuden der Tafel"):

  • Die Lehren von den Freuden der Tafel
  • Theorie und Praxis der Kochkunst
  • Die Ästhetik der Esskunst
  • Die Physiologie und Chemie der Nahrungsmittel
  • Benehmen bei Tisch
  • Diätetik
  • Viehzucht, Gartenkultur, Fischfang, Ackerbau ...

Der Neologismus setzt sich aus den altgriechischen Wörtern σóφos (sophos=kundig, gebildet weise) und γαστήρ (gaster=Magen) zusammen. Für den Altphilologen Friedrich Nietzsche machte den homo sapiens erst die Ausbildung und Verfeinerung der Kultur des Geschmacksinnes aus, die er als Teil einer philosophischen oder ethischen Lebenspraxis ansah.

Nietzsche griff dabei auf Autoren wie Plato, Epikur und Seneca zurück. Nach antiker Auffassung spielt die Ernährung eine wesentliche Rolle für ein gesundes, glückliches Leben, das in der Ausgeglichenheit von Körper und Geist besteht. Zum philosophischen Ideal eines „guten Lebens" gab es bis ins 16. Jahrhundert eine umfangreiche Literatur, die immer auch eine Diätetik enthielt. Noch die frühen Kochbücher standen unter dem Einfluss dieses Denkens.

Im 19. Jahrhundert setzte mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften eine neue Welle an Reflexionen über die Ernährung, über deren Wert, Nutzen und Schaden ein. Auch die sich damals konstituierende Soziologie beschäftigte sich mit Fragen wie Luxuskonsum, Distribution von Lebensmitteln und Distinktion durch spezifische Küchen und Gerichte.

Wo stehen wir heute?

Ein Rundgang in einem heutigen Supermarkt würde jemandem, der vor 100, 200 oder mehr Jahren gelebt hat, mit Sicherheit paradiesähnlich vorkommen, verglichen mit den früheren Lebensumständen der großen Mehrzahl der Menschen, die am Existenzminimum lebten und sich häufig von wenigen und schlechten Lebensmitteln ernährten. Heute haben wir hingegen die Qual der Wahl zwischen einer unüberblickbaren Vielzahl an Lebensmitteln, an Angeboten von teuren Luxusprodukten bis zu billigen Fertigwaren, und müssen zwischen Qualität und Quantität entscheiden, wobei uns häufig die Kriterien für die Wahl fehlen.

Die Berichterstattung in den Medien trägt zusätzlich zur Verunsicherung bei. Die z. T. höchst kritische Berichterstattung über die Lebensmittelproduktion schürt Emotionen und Ängsten und lässt ratlose Verbraucher/innen zurück. Auch bei der Ernährung stehen wir vor neuen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und müssen auf neue Trends reagieren. Um Entscheidungen treffen zu können, brauchen wir Kriterien, Wertbezogenheit und Reflexion - also eine neue Gastrosophie! „Wie wollen wir leben, wie leben wir gut?", ist eine aktuelle Frage, die uns alle betrifft!

 

 

Foto: Benjamin Herzog - vonherzog.de / pixelio.de